SO VERDROSSEN ...

 

8. September 2010: Vorsicht, STATISTIK!

Die Einschüchterungs-Maschinerie namens TV trägt erste Früchte: Laut einer Forsa-Umfrage halten 70% der Deutschen Sarrazins Aussagen für richtig und 22% für inakzeptabel, während gleichzeitig auf n-tv eine Telefonumfrage läuft. Soll die Zuwanderung in Deutschland begrenzt werden? 96% bejahen.

Ein klassisches Beispiel für "anonym" versus "offen": Wenn Forsa fragt, dann weiß der Befragte, dass man ihn (oder seine Telefonnummer) kennt. Wie mutig er dann noch ist, bleibt für Befrager aller Art immer ein Unsicherheitsfaktor - die Ergebnisse fallen zumindest unschärfer aus als bei einer anonymen Befragung.

Das ist einer, aber beileibe nicht der einzige Punkt, den seriöse Umfrage-Institute beim Veröffentlichen von Zahlen und Statistiken aller Art offenlegen müssen. Weitere Punkte, von denen das Ergebnis abhängt: Art der Befragung (Fragebogen, Interview, Telefon-Befragung ...), Auswahl der Befragten (repräsentativ oder informell), Anlage der einzelnen Fragen (das Entwickeln muss man "können"), Kontroll-Mechanismen der Antworten, Auswertung der Daten ... Das alles nennt sich "Deklaration der Forschungsanlage". Zu finden ist sie nie.

Vorschlag der Katze: Suchen Sie sich jene Statistik aus, die Ihnen am besten gefällt - und erklären Sie alle anderen für ungültig. Jedenfalls: Bleiben Sie immer skeptisch gegenüber Statistiken aller Art, ob Sie diese nun selbst gefälscht haben oder nicht.

 

Fürchterlich empört ...

Gestern hat Herr Beckmann (ARD) mit Leuten und auch mit dem Herrn Sarrazin geredet. Natürlich über "das" Buch.

Die Gegenargumente zeugten entweder von wissenschaftlicher Ahnungslosigkeit oder von Halbwissen und veralteten Sichtweisen (wie z.B. Darwin, der immer falsch oder unvollständig zitiert wird). Also, wenn das Buch nur halb so gut ist, wie die "Gegner" schlecht waren, dann dürfen wir uns auf einen starken Text freuen.

Mit lieben Grüßen vom 31.8.2010!

 

Buchpräsentation Sarrazin

Er ist SPD-Mitglied. Und er hat ein Buch geschrieben (wird jetzt, am 30.8., vorgestellt), in dem er seinen Unmut über die mangelnde Integrationswilligkeit der nach Germany gewanderten Muslime äußert und vor der Islamisierung Deutschlans warnt. So etwas wagt ein SPD-Mann! Unerhört.

"Deutschland schafft sich ab" ist der Titel. Deutsche Verlagsanstalt, ISBN 3421044309.

Wir haben das Buch noch nicht gelesen, also erzählen wir nur, was sich bei der Präsentation abspielt. Lauter Kameras. Böse Worte von Politikern, aber nicht von allen, Wertungen, Vorurteile, weil ja nicht sein darf, was die Kreise stört oder Arbeit verursacht (das Denken ist auch Arbeit), Nervosität vorne und hinten, auch die Türken sind da, großes Theater in den Medien. Also die besten Voraussetzungen für einen Verkaufsschlager. Telefonumfrage: Geht Thilo Sarrazin mit seinen Äußerungen zu weit? Ja sagen 4%, nein 96%.

Eine gewisse Neclá Kelek (Türkin, Muslimin) präsentiert das Werk. Sachlich, durchaus auch kritisch erklärt sie, was wissenschaftlich haltbar ist und was fraglich und stellt fest, dass der Islam nicht nur ein Glaubenssystem, sondern auch eine Weltanschauung wäre, die sich durchaus kritisieren lassen müsse, wenn sich die Anhänger in fremde Länder begeben. "Hier hat ein verantwortungsvoller Bürger bittere Wahrheiten ausgesprochen ..." Und sie fordert eine inhaltliche und keine moralische Debatte über den Inhalt. Dieses Buch würde die politische Landschaft Deutschlands verändern, das bliebe jedenfalls zu hoffen, meint sie abschließend.

Während sie spricht, kommt über den Ticker: "SPD plant Ausschluss Sarrazins." Sehr gut! Denn die SPD hat einen mutigen Mann wie ihn sowieso nicht verdient.

P.S.: "Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen." Falls das wirklich im Buch steht, dann müssen wir nach Berlin reisen und dem Herrn leider die Augen auskratzen.

 

Haben Sie Fragen?

Bevor man ganz verdrossen wird, könnte man fragen. Schließlich soll ja der Kunde König sein. Und deshalb schicken wir manchmal e-Mails herum, das haben wir Ihnen schon erzählt und auch, wer grundsätzlich nie antwortet: die Großen, also die SPÖVP.

Natürlich müssen Sie wissen, was wir schreiben. Es kommt auf die Situation an. Nach den letzten Wahlen haben wir dem Herrn Faymann und der Frau Merkel gratuliert (wegen Austria gegen Germany), auch den Grünen und dem BZÖ haben wir gratuliert (zur Ablehnung des ORF-Gesetzes). Lang werden Sie nicht raten müssen, um zu wissen, wer geantwortet hat. Frau Merkel - schriftlich sogar.

Auch Fragen haben wir gestellt. Da sieht die Sache ganz anders aus: Die Kleinen in Austria geben Ihnen umgehend Antwort, sofern Sie sich an eine bestimmte Person wenden. Frau Glawischnig beispielsweise. Sie hat nicht nur sofort geantwortet, sondern sich auch lang mit uns auseinandergesetzt, um uns ihre Sicht der Dinge klar zu machen. Dasselbe gilt für Frau Haubner. Antwort umgehend. Die FPÖ müssen wir noch fragen, warum sie dem komischen ORF-Gesetz zugestimmt hat. Die Reaktion liefern wir Ihnen nach.

Wenn man etwas von den "Großen" will, und sei es auch nur das Parteigrogramm, dann bekommt man keine Antwort und auch kein Parteiprogramm. Das nennt sich "Bürgernähe"!

So merkwürdig es auch klingt, so unterschiedlich die genannten Kleinen auch sind - was "Bürgernähe" ist, das wissen sie beide. (Nur, Sie müssen sich an eine bestimmte Person wenden und nicht an die Zentrale. Dort geht zu viel verloren.) Woraus wir schließen, dass die beiden Großparteien mehr und mehr in Selbstherrlichkeit versinken, weshalb der Bürger ganz wurscht ist. Werden wir beantworten: Ab sofort sind uns die beiden Großparteien wurscht. Sie haben sich durch Ignoranz auf allen Ebenen selbst ins Aus manövriert, was aber leider (noch) nicht genug Wähler bemerken.

So. Jetzt gratulieren wir den Grünen und dem BZÖ, weil sie noch wissen, für wen sie werkeln.

Und dann schreiben wir der FPÖ.

Haben wir gemacht und HC Strache geschrieben, Antwort umgehend:

Vielen Dank für Ihr E-Mail. Von nun an ersuchen wir Sie, Ihre Anliegen direkt über das Kontaktformular www.fpoe-parlamentsklub.at --> "Mein Anliegen" zu deponieren, da Ihre Anfrage sonst nicht beantwortet werden kann.

Klingt nach Präpotenz. Auch diese Partei ist offenbar schon zu groß, um noch zu wissen, was "Bürgernähe" heißt.

 

Das Hohe Haus

Galeriebesuch im Parlament vor einiger Zeit. Das Haus tagt, was dem Umstand zu entnehmen ist, dass jemand ins Mikrophon redet und die Plätze der Parlamentarier mit Zeitungen übersät sind. Deren Titelblättern ist zu entnehmen, wer wo gerade sitzen sollte. Gezählte 24 sitzen, besser: stehen herum, lesen, reden halblaut, klatschen manchmal. 159 sind nicht da. Wir fühlen uns daher sofort geliebt und gut vertreten. Wir waren nämlich wählen.

Das Fernsehen war auch da und hat dem Volk live gezeigt, was die Vertreter tun, falls sie nicht gerade streiten. 

Als dann ein Wirtschafts-Thema kommt, von dem wir nichts verstehen, marschieren wir, um ein paar Freunde zu besuchen. Die Cafeteria ist gesteckt voll - aha. Hier sind sie also. Wieviele Sitzungstage gibt es denn? Rund fünfzig, sagt uns ein Volksvertreter, und noch einmal so viele sitzt man in Ausschüssen. Hundert Tage Arbeit pro Jahr. Nein, nein, erfahren wir umgehend, man müsse ja noch die Bänder durchschneiden und den Katzenverein beehren und eine Runde spenden und immer drei Bälle eröffnen. Das alles koste Zeit und Geld. Aber die Arbeit, wollen wir wissen, betrachten Sie das als Arbeit? Natürlich! Also bitte, es soll Leute geben, die auf Bälle gehen, weil's ihnen Spaß macht und denen es eine Ehre ist, Bänder zu durchschneiden. Größeres Gelächter anstelle einer Antwort.

Nicht einmal das Einholen von Streicheleinheiten ist also ein Vergnügen. Warum dann das G'riss um einen Platz im Hohen Haus? Geld? Für 100 Arbeitstage sind Sie ja wirklich gut bezahlt, entgegnen wir, nur - warum sitzen Sie jetzt nicht im Saal? Ach ja, weil er mit einem Bürger redet, das fällt unter Arbeit. Und wo sind die anderen, die nicht gerade in der Cafeteria "arbeiten" (mit bedenklich vielen Weingläsern)? In diversen Ausschüssen, erfahren wir.

Sie legen also die 50 Sitzungstage und die 50 Ausschusstage einfach übereinander, damit insgesamt nur 50 herauskommen - oder wie? "Man setzt sich doch nicht ins Plenum, wenn dort Themen vorkommen, die einen nichts angehen." Mhm. Dass die Dinge zusammenhängen und nicht einfach in Schachteln getrennt existieren, diesen unseren Einwand kann der Herr Abgeordnete nicht nachvollziehen. Dafür erklärt er uns, dass kein Mensch 12 Stunden lang konzentriert zuhören kann. Richtig. Warum gibt es dann nicht 100 Plenartage zu je 6 Stunden? Für dieses Geld? Sie könnten sich ja, erklären wir, doppelt so oft treffen und dafür nur halb so lang reden.

Plötzlich hat es der Herr Abgeordnete sehr eilig. Wir geben daher auf und gehen heim.

Folgerichtig zählen wir jedes Mal mehr Leute, die Wahlen ignorieren. Das sollte doch manches Polithirn dazu bewegen, etwas Kalk abzuwerfen, sollte man meinen. Doch wie wir uns die Sachlage einzuschätzen erlauben, werden wir beim nächsten Mal wieder zur Urne gerufen, um aus den Kombi-Angeboten zu wählen. Hoffentlich ist der Sonntag schön. Viel Spaß beim Ganztagsausflug!

 

Das passiert allerdings nicht nur bei uns. Am 7. Juli ging es im britischen Parlament immerhin um das Sparpaket samt Steuererhöhungen. Nach 6 Stunden Debatte (eh nur) sollte um 2 Uhr früh abgestimmt werden, aber der Ex-Banker Mark Reckless war nicht da, sondern - nach ein paar Drinks mit Kollegen - im Taxi nach Hause. Nachdem er eingeschlafen war.

Er selbst fand es tags darauf "unangebracht", in diesem Zustand abzustimmen. "Don't drink and vote" hat der Kurier getitelt.

 

Das Listen-Malrecht

Sie wählen also aus den Kombi-Angeboten, indem Sie ein Kreuz malen. Dann werden die Kreuze gezählt, und die Verteilung diverser Sitze erfolgt nach der Zahl jener Kreuze, die für eine Partei gemalt worden sind. Solche Proporzwahlen sind aber nicht einmal numerisch gerecht, weil die Bevölkerung in manchen Bundesändern überhaupt erst ab 5 Prozent vorkommt: Kleinere Parteien müssen dort mehr als 5% schaffen, damit nicht alle Kreuze im Papierkorb landen.

Auch demokratisch sind sie ungerecht. Wer nämlich auf der Liste steht und auf welchem Platz, wer also den Bürger wo vertreten soll, darüber hat nicht der Bürger zu entscheiden. Das bestimmen die Parteizentralen. Dort herrscht neben Linientreue und der "Qualifikation", in die Landschaft zu passen (durch Nicht-Überflügelung der Mächtigen) auch schon der nächste Proporz: Einer von der Gewerkschaft muss vorkommen, damit die Gewerkschaft vertreten ist, einen vom Bauernbund braucht man ... Am Ende stehen auf den Listen nur noch berechnete, apparatgesteuerte Leute, weil einer die Wirtschaft und ein anderer die Firma Huber Tricot und der nächste den Konzern sowieso "vertritt" - und wer vertritt Sie und uns?

Wären diese Gewählten allesamt hehre Größen, an denen wir uns fachlich wie moralisch emporranken - in Ordnung. Aber da kommen Leute vor ... Und weil wir in Austria sind, kann ma halt nix machen.

Nächste Woche berichten wir über einen Besuch im Parlament.

 

Wählen Sie aus unseren Kombi-Angeboten


Mein Gott, die leidigen Versandkataloge mit ihren Bildchen und Kombi-Angeboten, wem gehen sie nicht auf die Nerven? Ihnen hat die Politik das Listenwahlrecht abgeschaut, womöglich noch, ohne zu fragen. Aber das wissen wir nicht. Einen Mixer zum Kaufen, das Kochbuch samt Rührschüssel und 14 Eier gratis dazu. Einen Spitzenkandidaten zum Anschauen, Viezekanzler samt Volksvertretung und 14 Minister gratis dazu. Kein Umtauschrecht, auch nicht innerhalb von 14 Tagen mit Rechnung. Können Sie einen Unterschied sehen? Wir auch nicht.

Was hat das alles mit Politik zu tun? Nichts. Aber schon allein das Wahlsystem macht uns so verdrossen, dass wir gleich von Politikverdrossenheit reden, obwohl die Leute das eher nicht sind. Erst einmal sind sie systemverdrossen, dann politikerverdrossen und am Ende hingehverdrossen. Gut, bei Regionalwahlen funktioniert die Sache etwas anders, doch das ändert nichts am Prinzip.

Wir haben nämlich nur ein einziges demokratisches Mitbestimmungsrecht. Die Wahl. Jede andere Art von Mittun will erkämpft sein: ein Fahrradweg, kein Atomkraftwerk, immer brauchen wir Demos und Bürgerinitiativen. Das mag auch nicht jeder, also tun wir mehrheitlich - nichts. Es lässt uns ja auch keiner. Und wer trotzdem was tut, der kriegt einen schwarzen Punkt auf den Schnüffelakt. Das wenigstens befürchten wir, mit Recht. Wenn Sie sich nämlich dann bei der nächsten Steuerrechnung vertun, dann kommt womöglich einer mit den Handschellen. Weiß man's?

Doch selbst dann, wenn einer zum Kreuzerlmalen hingeht - die Wahl verkommt zum Lächerlichen, wenn wir überlegen, was wir da wählen, besser: nicht wählen dürfen. Gäbe es nämlich ein Persönlichkeitswahlrecht, so käme das Überfressen der Spitzenpolitiker mit Macht (heißt: Funktionen) ins Wanken. Lieber werkeln sie einen 36-Stunden-Tag herunter bis hin zur geistigen und physischen Inexistenz, als dass sie sich einmal fragten, ob sie vom Bürger überhaupt gewollt sind. Und sich einer Persönlichkeitswahl stellen.

So Sie jetzt meinen, Sie dürften sich nun endlich Perönlichkeiten aussuchen - nicht doch. Die Spitzen der Politik sind nicht einmal gemeint, viel simpler. Es geht einfach um unsere Vertreter, die wir nicht selber aussuchen dürfen, obwohl schon im Kindergarten Aufruhr herrscht, wenn die Kleinen nicht bestimmen dürfen, wer Pumuckl sein soll, später dann, wer Klassensprecher sein soll und noch später, wer Vereinskassier.

Aber wir haben ein Listen-Malrecht, weil Kinder gern malen. Nächste Woche mehr dazu.

 

SO verdrossen!

Sie meinen, wir sollen nicht schon wieder anfangen. Politisch’ Lied, sagt schon Goethe, ist ein garstig’ Lied, die Politiker, steht in der Zeitung, gelten als korrupt. Und es geschieht, sagen die Leute, sowieso nur, was „die da oben“ wollen. Außerdem geht nicht einmal die Hälfte der Österreicher zu einer Präsidentenwahl.

Stimmt vermutlich alles. Nur – seien wir einmal ehrlich. Da wird herumgeraunzt über die Jungen mit den Stoppeln in den Ohren, die sich den ganzen Tag musikberieseln lassen. Und? Warum brauchen sie dauernd Reize, die sie (sich) selbst nicht mehr bieten? Warum nehmen sie den Gehirnschrittmacher? Wie war das mit dem Turnen jeden Morgen? Wie aktiv sind wir denn selber, zumindest großteils? Wer rennt denn schon in der Freizeit zum Fortbildungskurs, den keiner befohlen hat? Dem arbeitenden Bürger wird doch meist der Tag zu lang, müde und mürbe geht’s in den Abend. Und dem arbeitslosen Bürger wird die Last zu groß, traurig und resigniert geht’s durch die Tage. In welche Zukunft blickt denn die Jugend? Halten Sie einen solchen Blick für fröhlich? Wir auch nicht. Aber wir schimpfen und sind inzwischen grantig, machen die Fernkiste an und lassen geschehen.

(Wir hassen "bitte warten"!) 

Umgekehrt: Wie wird denn im allgemeinen reagiert, wenn einer plötzlich aktiv ist und mehr tut, als er tun muss? Sauer. Ein Emporkömmling, der irgendwas will. Unser Passivsein, das wir mit Bescheidenheit verwechseln, ist da schon sympathischer. Wir schimpfen und schauen fern.

Was damit gesagt sein soll: Politisches Verhalten kann sich von sonstigem Verhalten nicht generell unterscheiden. Grundsätzlich passive Menschen werden nicht plötzlich aktiv, weil Politik vorkommt, und wer sich’s insgesamt leicht verdrießen lässt, der ist nicht nur politikverdrossen. Er ist auch musikverdrossen, turnverdrossen, lese-, bildungs-, kulturverdrossen. Vielleicht sollten wir sagen, es herrscht Verdrossenheit, daher auch Politik-Verdrossenheit.

Vielen Jungen ist ja bereits derart fad, dass sie Lehrer ermorden, sich ins Koma saufen, Autos anzünden und manchmal ganze Städte. Als Mitglied einer Gang lebt sich’s jedenfalls abwechslungsreicher. Da kommt „verkleiden“ vor und das Wir-Gefühl, weil ja alle schwarz angezogen und vermummt sind und böse Dinge tun, die doch immer verboten waren. Auch eine Art des Aktivseins. Würden sie auch nur einen Bruchteil dessen erarbeiten müssen, was sie ruinieren, so wäre ihnen vermutlich nicht so fad.

Nur – könnten sie es?

Wo sind die Eltern, die sie zur Arbeit schicken? Wo sind die Arbeitsplätze? Oder haben wir es mit einer Generation zu tun, die so verdrossen ist, dass nur noch getan wird, was gerade Spaß macht? Der Staat finanziert sie sowieso. Wer wird denn da noch arbeiten, mit oder ohne Arbeitsplatz? Selbst wenn - siehe Thailand (heute ist der 17. Mai 2010) - eine Regierung unfähig ist, mit den Bürgern oder für sie zu agieren, selbst wenn Blut fließt und ein Bürgerkrieg ausbricht, selbst dann denkt keiner der Volkslieblinge nach.

Den Passiven ist aber auch fad, weshalb sie vor dem PC verblöden oder „Aktiv-Urlaub“ machen, statt zu arbeiten. Wo war denn die EU, als sich ein Land mit getürkten Zahlen in die Euro-Zone schummelte? Wo war die EU, als dieses Land Fieber bekam? Vielleicht hatten gerade alle Aktiv-Urlaub, was heißt: aktiv nichts tun.


Das meinen wir nicht von ungefähr. Den meisten Leuten eignet ein tief sitzendes Passivsein, das alles erfasst. Re-agieren ist gut, aber nur ja nicht agieren. Beispiel: Etwas bewegt uns, weshalb wir einen bewegten Artikel schreiben und ihn einem wenig bewegten Blatt senden. Nein, heißt es dort. Zuerst muss die Geschichte auch wirklich passieren, dann erst kann man sie kommentieren. Dass sie vielleicht besser vorher schon zur Diskussion stehen könnte, dass wir über Dinge reden, die sich abzeichnen und jeden Moment zu passieren drohen, mehr noch: dass sie in manchen Fällen überhaupt nicht passieren müssten, hätten wir beizeiten geredet, solches Denken kommt nicht vor. Es wäre nämlich aktiv und produktiv. Erst müssen ein paar kranke Länder sterben, bevor die hohen Herren in der EU aufwachen und auf einmal furchtbar hektisch werden. Warum? Weil dann vielleicht die ganze Union kippt und damit auch die lieben Sesselchen in Brüssel, auf denen sich so gut sitzt – falls man nicht gerade „aktiv“ Urlaub macht.


Die haben wir gewählt? Nein, wir nicht, schon klar. Sie sind ja längst gewählt, bevor wir alle paar Jahre ein Kreuz im Kobel malen dürfen. Von wem gewählt? Von jenen, die guten Grund haben, Politik nicht einfach Politik sein zu lassen. Von Menschen mit Motiv. Für unsere Optik gibt’s da ein paar abgestandene Motive und ein paar zwielichtige, ein paar begreifliche und ein paar unverschämte. Aber wir Durchschnittsleute mit Arbeitsplatz (oder auch ohne), Lebenskampf und Verdrossenheit, wir haben kein Motiv. Wir schimpfen über die Zuständ’ und machen den Fernseher an.

Dieses Wegschauen ergibt eine ausgezeichnete Steigleiter, auf der inzwischen jene nach oben turnen, die sich auskennen mit dem "Aktiv"(-Urlaub). Jetzt ist es ein bisschen spät. Jetzt sind sie schon „da oben“, kommen nicht mehr herunter und fragen alle paar Jahre nach, ob der Rest Europas schon aufgewacht ist.

Noch nicht? Umso besser.

Und weil das so ist, deshalb sind wir so verdrossen. Und solange wir so verdrossen sind, kann das so sein. Und weil ...

Mit lieben Grüßen!

killercat.net (denkt übers Auswandern nach, aber - wohin?)